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Bauen oder mieten? Wie Coding-Agenten die Rechnung verschieben
Coding-Agenten machen die erste Version einer Software drastisch billiger. Damit verschiebt sich die Grenze zwischen selbst bauen und kaufen. Aber nicht so weit, wie manche Versprechen nahelegen.
Make or Buy ist eine alte Frage. Die Faustregel dazu war lange einfach: Was nicht zum Kerngeschäft gehört, kauft man. Buchhaltung, CRM, Ticketsystem, Zeiterfassung. Selbst gebaut wird nur, was ein Unternehmen vom Wettbewerb abhebt.
Diese Regel stammt aus einer Zeit, in der jede Zeile Code teuer war. Coding-Agenten ändern genau das. Meine Antwort auf die Frage im Titel lautet deshalb: Ja, die Grenze verschiebt sich. Aber nicht so weit, wie es manche Versprechen nahelegen.
Was sich geändert hat
In den letzten Wochen habe ich mit Claude Code ein altes iPhone zum Server-Monitor und ein altes iPad zum Strompreis-Dashboard gemacht. Ich habe beschrieben, was ich sehen will. Den Code hat der Agent geschrieben.
Vor zwei Jahren hätte ich beides nicht gebaut. Nicht, weil ich es nicht kann. Sondern weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen stand. Ich hätte die App des Anbieters benutzt und mit ihren Grenzen gelebt.
Das ist der Kern der Verschiebung: Die erste Version einer Software ist drastisch billiger geworden. Damit sinkt die Schwelle, ab der sich Eigenbau lohnt.
Wo sich die Grenze verschiebt
Die Lücke in der Standardsoftware. Viele Unternehmen nutzen ein Produkt, das den Großteil ihrer Anforderungen abdeckt. Den Rest erledigen Excel-Listen, Copy-and-paste und Gewohnheit. Diese Lücke lässt sich heute oft mit einem kleinen Werkzeug schließen, das über die Schnittstelle des Produkts andockt.
Werkzeuge für wenige Nutzer. Ein internes Tool für drei Kolleginnen baut kein Softwarehersteller. Früher blieb es deshalb bei der Tabelle. Heute ist eine kleine Webanwendung dafür realistisch.
Beschaffung dauert länger als Bauen. Vertragsprüfung, Auftragsverarbeitung, Datenschutz-Abstimmung: Bei einem kleinen Werkzeug ist das manchmal aufwendiger als die Entwicklung selbst. Ein Nebeneffekt des Eigenbaus: Die Daten bleiben im eigenen Haus.
Abhängigkeit vom Anbieter. Preise pro Nutzer steigen, Funktionen verschwinden, die Roadmap gehört jemand anderem. Wer den eigenen Code besitzt, entscheidet selbst.
Wo sie sich nicht verschiebt
Hier wird es aus meiner Sicht oft zu optimistisch dargestellt. „Volle Flexibilität bei minimalem Aufwand" stimmt so nicht.
Das Schreiben war nie der teuerste Teil. Die größten Kosten einer Software entstehen über Jahre: Updates, Sicherheitslücken, Backups, Überwachung, Framework-Upgrades, Rückfragen von Nutzern. Agenten helfen auch dabei. Aber jemand muss verantwortlich sein. Wer Software mietet, kauft vor allem diese Verantwortung.
Fachlichkeit und Regulierung. Lohnabrechnung, Buchhaltung nach GoBD, E-Rechnung, Steuerschnittstellen. Die Programmierung ist hier nicht das Problem. Die Regeln sind es, und sie ändern sich laufend. Das baue ich auch mit Agenten nicht selbst.
Netzwerkeffekte. Kommunikationswerkzeuge oder Marktplätze leben davon, dass andere sie auch nutzen. Ein Eigenbau ist dort wertlos, egal wie gut er ist.
Verfügbarkeit und Sicherheit als Produkt. E-Mail, Anmeldung, Zahlungsabwicklung. Hier bezahlt man für Betrieb und Haftung, nicht für Funktionen.
Die Zeit des Menschen. Der Agent schreibt den Code. Prüfen, entscheiden und mit echten Daten testen bleibt Arbeit. Beim Strompreis-Dashboard tauchten die wichtigsten Fehler erst beim ersten Test mit echten Daten auf. Ohne jemanden, der hinschaut, wären sie geblieben.
Kaufen, um zu bauen
Spannender als die Frage „bauen oder kaufen?" ist die Mischform. Man mietet die Grundlage und baut das Passende darauf.
Mein Dashboard ist ein gutes Beispiel. Der Stromanbieter liefert Strom, Messgerät und eine Schnittstelle. Die Oberfläche, die genau meine Frage beantwortet, habe ich selbst gebaut. Auch dieser Blog funktioniert so: Er hat eine Schnittstelle für KI-Werkzeuge, über die auch dieser Artikel angelegt wurde.
Für Anbieter von Software heißt das: Eine gute Schnittstelle wird wichtiger als eine schöne Oberfläche. Wer keine hat, wird umgangen oder ersetzt.
Meine Faustregel heute
Selbst bauen lohnt sich, wenn:
- wenige Menschen das Werkzeug nutzen,
- es einen eigenen, klar beschriebenen Ablauf abbildet,
- ein Fehler nicht teuer wird,
- eine gute Schnittstelle als Grundlage existiert,
- und klar ist, wer es betreibt.
Kaufen oder mieten ist weiter die bessere Wahl, wenn:
- Gesetze und Vorschriften den Inhalt bestimmen,
- hohe Verfügbarkeit gefordert ist,
- viele Nutzer Unterstützung brauchen,
- der Nutzen davon abhängt, dass andere das gleiche Werkzeug verwenden.
Der wichtigste Test ist eine einzige Frage: Wer kümmert sich in drei Jahren darum? Wenn die Antwort „der Agent" lautet, ist das keine Antwort.
Fazit
Coding-Agenten verschieben die Grenze zwischen Bauen und Kaufen. Am stärksten bei kleinen, sehr speziellen Werkzeugen, die es vorher schlicht nicht gab. Software wird dadurch nicht umsonst. Die Kosten wandern nur: weg vom Schreiben, hin zum Entscheiden, Prüfen und Betreiben.
Für Unternehmen lautet die Frage deshalb seltener „Kann man das programmieren?". Sie lautet: „Sollen wir das bauen, und wer betreut es danach?" Genau bei dieser Abwägung unterstütze ich Sie als KI- & Softwareentwickler aus Eisenach, remote in ganz Deutschland und international.